14.09.2021

vor braunschweig spielt ein kind ein videospiel auf dem handy

das trockene gefühl, mitte zwanzig zu sein, auf der zunge

getanzt haben, gedacht haben: ah, that’s what i’m supposed to do. richtig.

nun nach hause wollen, bevor sich alles wieder ändert. auch die jahreszeit. nach hause wollen, in den herbst, in das leuchten, aber nach hause wollen ohne den herbst, ohne die knirschenden blätter –

ah, that’s what i’m supposed to do. nach hause wollen.

so lange weg gewesen sein, dass niemand mehr etwas sagt.

in berlin schlägt einer mit nummernschildern gegen den poller

jemand bestellt ein croissant mit mohn

jemand sitzt in der sonne am schreibtisch, denkt: es riecht anders hier zuhause. es riecht nach faulen blättern, nicht knirschend, zigarettenrauch der nachbarn unterm schlafzimmer, nach einem sommer, den man verpasst hat. grüßt herzlich, dieser jemand.

etwas einfangen, während es passiert

schon jetzt kommt mir der rhein wärmer vor, als er war

fragen, die ich hab

erstens: denkst du auch jeden tag an die toten der schoa. denkst du an ihre verzerrten gesichter, an das weinen eines kinds, wenn du mich küsst. denkst du an die schatten von den millionen, die wir mehr wären. denkst du an die schatten, wenn du glücklich bist.

zweitens: denkst du, ich bin deine große liebe. auch, wenn du nicht an die große liebe glaubst denkst du es vielleicht, wenn du in mein gesicht schaust.

drittens: der mann gegenüber in der bar, in der ich sitze, popelt sich in den ohren. ich überlege, wie es meinen freundinnen geht, habe ich sie das wirklich, der ernsthaftigkeit der frage gebührend, gefragt. wie geht es dir. und dann zugehört, wenn sie sprachen. nein, habe ich nicht. ich habe an die toten gedacht, an die wäsche, woran noch. in den ohren gepopelt.

viertens: wer schläft, und warum. würde ritalin helfen, weniger aus der welt fallen zu wollen. würde lsd-microdosing helfen. würde koksen helfen, weniger zu wünschen, die schwerkraft verließe mich, ich taumelte ins weltall, anstatt eines verschwindens ein verschweben. würde das helfen, zu schlafen.

fünftens: ist das leben ok. ist es das.

sechstens: hast du in städten, die du nicht kennst, denn keine angst. überkommt sie dich nicht, ein blindes heimweh nach einer vertrauten straße, der schmerz und die sehnsucht, danach, die menschen lesen zu können, zu wissen, wo der kompass ist, wenn du ihn brauchst, wenn du fürchtest, sonst vom bürgersteig in die tränen hineinzustolpern.

Orthodox, Ultra-Orthodox, Un-Ultra-Orthodox: Judenliteraturkritik beim Bachmannwettbewerb 2021

Ich habe mich, wie hoffentlich an meinen Freudentränen erkennbar war, unbändig über die positive Resonanz auf meinen Text „Gewässer im Ziplock“ gefreut, den ich bei den 45. Tagen der deutschsprachigen Literatur vorgetragen habe und für den ich den Deutschlandfunkpreis bekommen habe. Dennoch bleibt ein Nachgeschmack, den ich gerne ausformulieren möchte.

Ich habe viele nichtjüdische Freund:innen, die im vergangenen Jahr begeistert die Serie Unorthodox (basierend auf den gleichnamigen Memoiren von Deborah Feldman, die einer ultra-orthodoxen Sekte in New York entkommen ist) geschaut haben. Auch ich fand sie unterhaltsam. Meine Freund:innen allerdings fanden sie nicht nur spannend, sondern auch lehrreich. „Schon krass, Religion ist einfach schlimm“, konnte ich oft hören, und Sätze wie: „Das ist aber ganz schön viel Alufolie“. Ich habe dann erklärt, dass man nur für Pessach, für acht Tage im Jahr, wenn man es genau nimmt mit den Regeln, die Küche mit Alufolie abklebt. Trotzdem habe ich gemerkt, wie fragend und skeptisch die Blicke meiner Freund:innen waren. Wie oft gesagt wurde, Religion sei nun mal unterdrückend und schlimm. Wie oft ich versucht habe, zu erklären, dass in der Serie eine extreme Form des Judentums portraitiert wurde, nämlich die Ultra-Orthodoxie. „Zu konsumieren mit einem grain of salt“,sagte ich, wenn ich nach meiner Meinung gefragt wurde, und ließ Matzah-Klößchen in die Suppe fallen.

In der Jurydiskussion zu meinem Text, in dem es um einen Kantor und seine Tochter geht, hat der Bachmannpreis-Juror Klaus Kastberger die aus seiner Sicht fehlende Reflexion des Ausbruchs und der Zwänge des ultra-orthodoxen Judentums bemängelt: „Der Blick auf jüdisches Leben, auf orthodoxes jüdisches Leben, ist ein Thema, das wirklich in den letzten Jahren aufgekommen ist, es auch so weit gebracht hat, dass es über Fernsehserien vermittelt wird – Unorthodox, Shtisel – also es gibt offensichtlich ein neues Faszinosum, die orthodoxen Welten vorgeführt zu bekommen. […] Mir kommt vor, in diesen Serien sind die Brüche mit diesen Welten vielleicht genauer und radikaler markiert, als es hier der Fall ist.“ – und später: „Und was mir fehlt in dem Text: Orthodoxie ist ja auch ein Kerkersystem. Und das Aufbegehren, das ja auch in der Figur Rita ist, das ist mir noch zu wenig.“

Hierbei ist zunächst wichtig, präzise zu sein. Denn Orthodoxie und Ultra-Orthodoxie sind im Judentum zwei völlig verschiedene Strömungen, die wiederum in verschiedene Gruppierungen einzuteilen sind. Ultra-orthodoxe Juden und Jüdinnen leben so streng nach den Regeln der Halacha (und ihren Interpretationen davon), wie es ihnen das menschliche Leben erlaubt. Infolge dieser Interpretation werden beispielsweise Frauen massiv unterdrückt; Männer sind nicht berufstätig, sondern widmen ihr Leben dem Studium der Torah.

Orthodoxe Juden und Jüdinnen halten sich ebenso rituell an die Bräuche und Gesetze der Halacha, zum Beispiel an die Regeln der Speisegesetze (Kaschrut) oder des Schabbats. Nicht alle orthodoxen Juden und Jüdinnen tragen Schläfenlocken, Zizit und Schtreimel oder Hut. Dann wiederum gibt es konservative Juden und Jüdinnen, die nicht streng orthodox leben, aber beispielsweise in der Synagoge in getrennten Reihen sitzen. 

Und dann gibt es noch liberale Strömungen, in denen es ähnlich bunt zugeht: einige liberale Juden und Jüdinnen tragen Kippa, essen aber freudig Garnelen, andere halten sich streng an die Regeln der Halacha und setzen sich für die Gleichstellung der Frau im religiösen Kontext ein, für gemischte Sitzplätze und Frauen in Rabbinatspositionen (wie etwa in der Gemeinde in der Oranienburger Straße). Ich habe in meinem Text nicht expliziert, welcher Strömung der Kantor angehört. Dass er seine fünfzehnjährige Tochter aber auf eine nichtjüdische Schule schickt und Party machen lässt, spricht wohl gegen eine Zugehörigkeit zum Kerkersystem der Ultra-Orthodoxie, und für eine liberale Weltsicht – und deswegen sollte es auch gar keine Brüche mit der jüdischen Welt geben, denn niemand muss ihr entkommen.

Ich will hier keineswegs in Reaktion auf Literaturkritik irgendwelche empfindlichen Antisemitismus-Vorwürfe herbeikonstruieren. Vielmehr denke ich, dass Herr Kastberger eine gängige Wahrnehmung gläubiger Juden und Jüdinnen durch christianisierte Gesellschaften verbalisiert hat, die durch die massenmediale Thematisierung ultra-orthodoxen Judentums entstanden ist. Das Netflix-Judentum handelt nun mal von Extremen; es ist gleichzeitig auch der einzige Ort, an dem jüdische Bräuche einer großen Menge an Menschen gezeigt werden. Die Interpretation, der Text handle von einem sich anbahnenden Ausbruch aus den Zwängen der Religion ist symptomatisch dafür, dass sich ein vielsagendes Unbehagen gegenüber der Observanz jüdischer Riten breitgemacht hat. Denn Geschichten über liberale Juden und Jüdinnen, die an Schabbat ihr Handy ausmachen, aber ihre Frauen nicht unterdrücken und vielleicht auch gerne mal raven gehen, Juden und Jüdinnen, wie man sie in Berlin in den jungen Gemeinden in Bezirken wie Kreuzberg und Mitte findet, die gibt es zwar. Sie werden aber nicht zu popkulturellen Netflix-Phänomenen.

Was sich abgezeichnet hat im Diskurs über meinen Text, ist, dass ich statt dem grain of salt, zu dem ich nichtjüdischen Freund:innen beim Schauen von Unorthodox geraten habe, gerade gerne das gesamte Salz des Mittelmeers verschreiben würde. Denn: was hier passiert ist, ist genau jene Interpretation sämtlicher jüdischer Riten als Ausdruck extremistischen Glaubens, vor der ich gewarnt habe. Eine, die jüdisches Leben mit einem Kerkersystem gleichsetzt, aus dem man sich zu befreien hat. Das als intensiv gezeichnete Bild des Glaubens meines Protagonisten wurde automatisch als Bildnis von Radikalismus interpretiert. Diese Erfahrung ist mir vertraut. Eine häufige Frage, wenn ich erzähle, dass ich Jüdin bin, ist, ob ich „aber auch gläubig“ sei. In unserer christianisierten Gemeinschaft, die so sehr vom Christlichen als „Normalität“ ausgeht, ist es radikal, sich dem nicht unterzuordnen, sondern andere kulturelle und religiöse Riten zu haben. Diese werden dann schnell umfassend und kategorisch als extrem wahrgenommen – so auch in meinem Text. Diese Wahrnehmung meiner Protagonisten von Seiten der Leserschaft (auch die dpa meldete eine orthodoxe Familiengeschichte) irritiert mich. Wir nehmen ja auch die sonntags geschlossenen Supermärkte in Deutschland nicht als Symptom eines Lebens in einer fundamentalistisch-christlichen Dystopie à la Handmaid’s Tale wahr.

Es geht in meinem Text nicht um den Knast, den fundamentalistischer Glaube darstellt. Dass der Kantor sein Handy am Schabbat nicht bedient, ist völlig selbstverständlich, denn er ist gläubiger Jude. Und würde er an Schabbat telefonieren, könnte er trotzdem gläubiger Jude sein. Eine meiner Freundinnen ist angehende Rabbinerin und in einer Beziehung mit einer Frau. Sie würde am Schabbat ihr Telefon wahrscheinlich nur in Ausnahmefällen anmachen, und doch setzt sie sich leidenschaftlich für progressives Denken in jüdischen Kreisen ein. Mein Großvater hat in seinen Lebzeiten keinen Bissen Schweinefleisch gegessen, und dennoch war er weltweit renommierter Wissenschaftler. Denn der Verstand und die tradierten Bräuche des Judentums: Sie dürfen und können sich ergänzen. Wir Un-Ultra-Orthodoxen, wir sind nicht gefangen in den Klauen unserer Religion, wenn wir uns in ein Gebet vertiefen. Wir können progressiv und gläubig zugleich sein. Wir können komplex und verloren sein, wir können an Schabbat den Lichtschalter nicht betätigen und für die Ehe für Alle sein, oder auch umgekehrt. Wir können uns wohlfühlen in unserem Glauben. Es gibt uns, wir sind hier.

Um an einem Schabbat einen Text im Fernsehen diskutieren lassen, in dem die Sexualität einer Fünfzehnjährigen thematisiert wird und vor laufender Kamera im Badeanzug über den Kotti zu laufen, musste ich mich nicht aus den Zwängen meiner Religion befreien. Ich fühle mich nicht eingesperrt, sondern außerordentlich frei. Ich darf die Geschichte von Margarita und ihrem Vater erzählen, zwei jüdischen Menschen, die trotzdem und selbstverständlich zugleich in Deutschland leben. Auch die Jurorin, die mich für diesen Text nominiert hat, hat in ihrer treffenden, berührenden Laudatio nochmal expliziert, dass es sich darin um eine liberale jüdische Familiengeschichte handelt. Ich bin glücklich. Denn, um auf Insa Wilkes Eröffnungsrede zurückzukommen: Das einzige, das radikal ist an meiner Geschichte, ist die Vorstellung, sie beim Bachmannwettbewerb vorzutragen.

24.06.2021

es ist warm, in der küche rotten ein paar pfirsiche. der nachbar sitzt im hof und raucht. wir setzen uns zu ihm. der nachbar erzählt von seinem leben, während er kaffee trinkt. manchmal sehe ich ihn, wie er im hof sitzt und schläft. er sieht sehr alt aus bestimmt über achtzig denke ich. dieter erzählt, dass er bald siebzig wird, dass er aber seit zwanzig jahren in rente ist. als vermesser habe er gearbeitet. manchmal auch, ohne steuern zu zahlen. er sagt was rassistisches. grad hat er meiner freundin noch einen teddybären geschenkt, damit sie immer glück hat, jetzt sagt er plötzlich schlimme rassistische sachen. wir starren ihn an. renate kommt dazu. renate setzt sich hin und sagt: „dieter, frank zappa hatte übrigens auch prostatakrebs!“. der nachbar sagt: „ich habe übrigens prostatakrebs“. sagt, er hat auch in den beinen metastasen. renate sagt: „dieter, willst du kuchen oder eis.“ er sagt beides. er sagt, wenn wir ins krankenhaus müssen, sollen wir nach havelhöhe gehen, da darf man auch nachts rauchen gehen und es gibt erst um zehn frühstück. an seiner tür klebt ein sticker darauf steht „prokrastinistische aktion“.

15.06.2021

ein paar tage vor klagenfurt wird es endlich warm.

in der graefestrasse eine frau, auf deren beutel steht: new york or nowhere. du bist aber hier, denke ich. du bist hier, hier ist vielleicht nowhere, nowhere mit den häusern in pfirsich, pistazie, erdbeergewand. man trinkt den kaffee. man kann meine brüste sehen, denen der winter auch nicht gut tat, aber es ist egal, man kann die brüste der stadt sehen, die schwellen der stadt und das nichts, in dem sie liegt. das wasser schmeckt gut wie lang nicht mehr, wenn ich auftauche, in der sonne liege, etwas schreibe, etwas lese. eine freundin treffen, die lange weg war, fühlt sich an, als würde mein fernweh gestillt. dabei wirkt sie nicht weit weg, sondern nah bei mir. oh, nur noch eine wassermelone im supermarkt. die lesung wird sie nicht überleben, wir essen sie vorher auf dem fensterbrett. es riecht nicht mehr nach anderen in der wohnung, sondern nach uns. nach unserer wassermelone auch. eine frau motzt uns an, dass sie keine karten mehr fürs freibad bekommt. kann ich nichts für, sage ich. sie sind aber noch jung, sagt sie. sie hat recht.

04.06.2021

ich könnte eine liste schreiben der guten dinge. die guten erdbeeren, der gute schlaf. die guten küsse, fast wie neu fühlst du dich an, dein guter geruch, dein gutes lacheln. der gute rock, ein bisschen zu kurz, eine gute fahrradfahrt darin. es gibt das gute, flüstere ich mir zu, es gibt das gute licht und das gute chlorwasser. die guten atemzüge und eine gute haltung, im rücken und auch anderswo. das gute bier, das gute lachen der guten freunde. das gute telefonat. ich vermisse nichts, nicht mal dich, weil du gut bist und bald wiederkommst. im guten blau, im guten juni.

noch aktuell: wie es so ist –

wie es so ist als sprache in diesen umständen

es gibt diese hypothese, dass die sprache das denken prägt. das mit den zwanzig worten für schnee, was eigentlich nicht stimmt. deutsche haben danach zwanzig worte für einsamkeit und regeln. abstandsregeln. als linguistin kenne ich auch ausbauregeln. wenn wir es übertragen, die sprache auf die welt, dann sind ausbauregeln die regeln, nach denen man sein leben ausbaut, wenn man sich an abstandsregeln hält.

als sprache kann man es nicht weiter bringen, als für eine sache viele worte zu produzieren.

einen umstand zu kennen, zum beispiel. eine sprache kennt einen umstand und kennt die aktuellen umstände, eine sprache sagt das wort coronasingle und autokonzert. eine sprache weiß, warum es unterschiede zwischen isolation und quarantäne gibt und sie erklärt sie sanft und immer wieder.

das deutsche kennt, wenn das alles vorbei ist, zwanzig worte für einsamkeit und regeln und das europäische sucht noch nach einem, das die solidarität ersetzen kann. man könnte es ertrinken nennen. es tun uns lungen weh, sie füllen sich mit wasser und entzünden sich. sie bieten kein essen zum mitnehmen an, diese lungen. wenigstens die blumenläden sind auf. eine sprache kann erzählen, wie sich lungen mit blumen füllen in lastwagen voller toter körper und es kann einen keinen daran hindern, auch wenn es eine bitterböse vorstellung ist, dass die sprache das darf.

die sprache ist produktiv. sie ist ein emsiges, fleißiges bienchen, mit der man komposita bilden kann, wie man es mag, nach schnauze und nach lust und laune. der sprache tut nichts weh, solang es regelmäßig produktiv ist. deswegen tut der sprache das wort coronababy nicht weh. an unserem kühlschrank hängt eine karte für uns coronacons mit einem herz und man fragt sich tut das der sprache weh.

es wird zwanzig worte für einsamkeit geben und wir werden uns wundern, warum es sie vorher nicht gab. wie ungerecht der einsamkeit gegenüber, sie nur eins zu nennen, eins – amkeit, dann gibt es noch zweisamkeit, die der einsamkeit scheinbar ins gesicht lacht. dabei weiß die sprache nicht dass sich in der zweisamkeit auch die einsamkeit versteckt, weil die sprache sich der welt anpasst und man nicht alles in eines bekommt, wenn man mal nicht produktiv sein kann. so passt sich also die sprache der welt an und die einsamkeit geht verloren in einem anderen wort und man vermisst einzweisamkeit als gutes resultat der produktivität.

es wird nach millionen bundestrainern auch millionen blockwarte geben und wir werden neue wörter dafür finden wegen der aktuellen umstände. atemmasken werden umstandsmode sein. man muss nicht immer produktiv sein, um sich aktuellen umständen anzupassen, auch als sprache nicht. es ist anstrengend, in den aktuellen umständen eine sprache zu sein. die sprache ist müde, die welt zu repräsentieren. sie macht einen isolationsschlaf. auch die sprache muss von zuhause arbeiten.

(zuerst erschienen hier und vorgelesen hier)

Dosenmais, noch ein Tag

Heute hab ich den ganzen Tag versucht, an einen Impftermin zu kommen, weil ich jetzt, laut meiner Therapeutin, Impfgruppe 3 bin, hat nicht geklappt, trotz meines ausgeklügelten Systems mit dem Add-On, das immer wieder die Seite aktualisiert, auf der einen Seite des Bildschirms, während ich auf der anderen Seite versuche, zu arbeiten. Wir sind einmal um den Block gelaufen, hatten Eis, meine Augen kleben im Moment so, ich hab dir das gesagt und mit verklebten Augen in dieses Kreuzberg geschaut. Ich wollte das Linsenzeug von mittags mit Kokosmilch strecken, hab mich selber nach der Kokosmilch gestreckt, auf der Kokosmilch stand Dosenmais. Die Dose Mais ist mir auf den Kopf gefallen, dabei hab ich gedacht, was für ein dummer Unfall, wem passiert sowas, nur Dummen, dann hab ich erst nichts mehr gesehen, dann auf dem Sofa geweint wie ein Baby, mit dem Kühlpack und dem Schluchzen, richtig viele Tränen, überraschend, wie sich richtig viele Tränen anfühlen. Dann haben wir das Linsenzeug gegessen, ich hab mich auf deinem Schoß eingerollt, deinen Arm gestreichelt, beschissener Tag, beschissene Zeit, ich will abgeholt werden aus diesem einzigen langen Sonntagabend, an dem es schlimmer ist, den nächsten Morgen zu fürchten, als der nächste Morgen selbst überhaupt sein kann.

über zynismus

zynisch sein kann man gut, wenn man selbst keinem zur last fällt. wenn man wem auf die nerven geht, jemand einen laut oder unschön findet, wird der zynismus schnell zur peinlichkeit, zur vertuschung der eigenen unglücklichen antidote zur coolheit. jemand mit geburtsjahr 1995 in senfgelben hosen kann unmöglich zynisch sein, denke ich zum beispiel, vielleicht aber findet ebenjene person in ihren hosen, ich mit den maryjanes von doc martens an den riesigen, unweiblichen füßen könne unmöglich zynisch sein, denn mein zynismus stünde nur dafür, dass ich keine richtige politische meinung hab. außer, dass auf meinem handy ein sticker klebt, auf dem etwas steht wie however we dress, wherever we go, yes means yes and no means no. stirbt mit dem feminismus die poesie? oder auch die zärtlichkeit? vielleicht sogar: der zynismus?
wenn es ein politischer akt ist, die frauen um mich zu lieben, dann das zweite ja zumindest nicht. ganz zärtlich, ganz unzynisch, kann ich meine freundinnen betrachten, die es besser wissen als ich, zumindest meistens, außer, wenn es darum geht, wie man bitterernst, ohne einen hauch zynismus, dem ewigen dankt für das brot auf unserem tisch und den wein im glas, wenn es darum geht, wie man eine tomatensoße zu würzen hat, zucker und balsamico, am liebsten auch anchovies. dabei kann man nicht gut zynisch sein, auch in maryjanes und strumpfhosen nicht. politisch auch nicht, eine tomatensoße bleibt unpolitisch. es sei denn, man gibt anchovies bei. das sollte man dringend tun, ernst gemeint.

17.03.2021

es wechselt schnell, das wetter, von blau zu grau, plötzlich hagelt es. ich wache auf und weiß nicht, ob schon sommer ist. unterwasser, sagst du, bin ich. als du böse wirst, schreibe ich einen liebesbrief. ich weiß nun nicht mehr, was drin stand, koche gedankenverloren erbsen und knalle, so scheint es, die türen. es gibt nichts zu beobachten, dort, wo ich bin, versuche ich, so sehr zu beobachten, wie es geht, am kanalufer ruft jemand seine tochter dana, ich will hingehen und sagen: „so heiß ich auch“, aber vielleicht ist es mittlerweile ein häufiger name, das kind fänd mich komisch, wenn ich mich so vorstellte, also lass ich’s. ein untermieter fährt in kurzen hosen das fraenkelufer entlang. er hat heute früh nicht nochmal nachgedacht, ob schon sommer ist. es ist nichts poetisches daran.

ein nerv ist eingeklemmt. es hilft nichts außer entspannung, aber ich weiß nicht mehr, wie das geht, weiß irgendwer noch, wie das geht. was würde ich in einer sauna machen: mich zusammenrollen, wie allein in meinem bett. mich vergewissern, dass du nicht doch ein glas wasser magst. ich würde mir in der sauna eine wärmflasche machen, weil ich ohne nicht schlafen kann. mein herz hat endlich aufgehört, bei den nachrichten mitzuschlagen, es zieht sich zurück und liest die gala, wenn ich heulen muss, weil leute sterben.

in einer woche ist pessach. dieses pessach: es fühlt sich bitter an, fies und diesmal eher wie fiktion als realität. wir stecken ja in einer plage, morgens tauche ich meine finger ins glas und spritze flecken aufs küchenfenster, für jeden traurigen gedanken eine. ich rechne jederzeit mit heuschrecken. jederzeit, hast du das gehört, frage ich dich, vielleicht bekommst du heute keinen liebesbrief.