10.10.2022

Ich steige aus dem M29 und niese. Direkt neben mir steht die Neue Nationalgalerie, der schöne Mies, für den sich keiner interessiert, ist ja Berlin. Ich steige aus, und niese, weil die Sonne scheint, und plötzlich fällt mir auf, dass ich jedes Mal, wenn die Sonne scheint, auf dem Weg vom Bus zur Stabi an der Ampel niese. Ich frage mich, wie oft ich hier schon geniest habe, ohne darin ein Muster zu finden, hunderte Male? Die Feststellung macht mich zärtlich, zärtlich gegenüber den großen Gebäuden, der breiten Potsdamer Straße, in die ich hineinniese.

Eigentlich will ich, dass die Wörter sich beim Schreiben so anfühlen wie die Haut von Kichererbsen, wenn man sie abzieht, um Hummus zu machen, sie mit einem guten Plopp als die sauberere Version ihrer selbst aus ihrer Hülle ziehen, um sie danach zu vermengen, und so hat es sich manchmal auch angefühlt, bevor irgendetwas passiert ist, aber ich weiß nicht mehr, was passiert ist.

In Karlsruhe am Bahnhof begrüßen blonde Mutter, blonde Tochter mit schmalen Augen lachend blonde, mittlerweile graue Großeltern mit schmalen Augen, sie ziehen ihre Koffer hinter sich her, es sind nicht die Guten, die man auf allen Vieren schieben kann, sie sagen etwas und sogar die Tochter, vielleicht sechzehn, lacht. Jetzt ist noch alles gut. Später wird die Stille ohrenbetäubend, über das Abendbrot gebeugt, noch ein letztes Mal grillen, aber alle haben kalte Füße, weil es von der Terrasse reinzieht, und Opa fängt an zu essen, obwohl noch nicht alle eine Wurst auf dem Teller haben. Wenn sie abends im Einfamilienhaus aufstoßen, schmecken sie alle das Gleiche, den würzigen Geschmack der Bratwurst und der Pralinen von Arko, die die Großeltern vor ein paar Tagen in der Einkaufmeile ihrer Kleinstadt besorgt haben.

Das könnte eine Geschichte von weiblicher Unterdrückung werden, aber sie endet hier.

09.08.2022

die dinge beginnen, mir besser zu gefallen, wenn ich sie mit einer sturen regelmäßigkeit mache. wir frühstücken jetzt (ein unangenehmer teilsatz) wir sitzen da in tshirt und unterhose und mischen ein paar aprikosenstücke und johannisbeeren in unsere magensäure, dann fahre ich etwas zu spät in die stabi. 

regelmäßig ist auch die migräne, sie wechselt stündlich von einem auge ins andere, seit fünf wochen, ich habe einen text über sie geschrieben, aber von der vorstellung, ihn zu veröffentlichen, wird die migräne schlimmer.

es ist schwierig, einen roman zu schreiben, die welt ist zu voll, man muss sich aussuchen, welche bruchstücke man zusammenfügt. zwei freundinnen lesen meine bruchstücke und fügen etwas zusammen, im text oder in mir, weiß ich noch nicht. 

im flugzeug spüre ich, wie das stück apfel, das ich grad nicht genug gekaut habe, durch die speiseröhre wandert, spüre, wie es stecken bleibt, an einer stelle, an der es die kotze blockieren könnte, die kommt, während ich ein buch über einen auschwitzguide lese, von dem leute mir geraten haben, es nicht im urlaub zu lesen, also lese ich es auf dem heimflug.

wir waren im toten meer, es war türkis, rosa, das salz unter den händen schürfend, brannte an den winzigen rissen auf mir, schleimig, warm, es roch nach wasserpfeife und schwefel.

letztens ist mir das erste mal aufgefallen, dass man den mond nur etwa zur hälfte der zeit am nachthimmel sieht, und dann hast du mir erklärt, dass er sonst auf der anderen seite der erde weilt. erst dachte ich: schäm dich, du dummchen, gehst mondblind (meine autokorrektur macht daraus mindblowing) durch die welt, und dann dachte ich, wie gut: ich habe etwas grundlegendes gelernte, es gibt also noch mehr grundlegendes zu lernen. wie erleichternd. dann denke ich daran, dass der mond nur die hälfte der zeit über auschwitz aufging. in yad vashem weinst du in mein leinenkleid, und ich stehe da und schlucke, schlucke, schlucke, es riecht nach kiefern, nach sand, als wir hinaustreten, drinnen war es kalt. auf der rolltreppe belauschen wir einen guide, der einem amerikanischen paar erzählt, warum er seine arbeit gerne macht. und unter uns jerusalem.

20.05.2022

es gibt wege, die ist man schon so oft gefahren, dass man sie nicht mehr sieht, dass sie eingewoben sind in den eigenen körper, wege durch ein glück und durch eine trauer, und man wird nie wieder ohne das glück sein und ohne die trauer, es gibt eine stelle am kanal, wo der fahrradweg im nichts endet, man fährt durch erde, und die erde ist ein weg.
es ist mild und freundlich, auch ich, aber ich sitze trotzdem mit einer inneren härte, die nicht anders kann, sie lässt sich nicht helfen, das geht nicht.
meine stadt wird freundlicher, zuckersüße beeren und luft, die man verschlingen will, aus dem hof riecht es nach rauch und waffeln, den geschmack von wassermelone hatte ich vergessen, auch das gefühl einen nackten körper zwischen kühle laken zu schieben.
ich suche auf meiner festplatte einen satz und finde andere:

herzschläge schneller als kniekehlen
du brauchst kaum luft um nicht zu atmen
unterwasser hörst du mich
kein anschluss wegen dieser nummer
vermurmelst du vor dich hin, leise:
deine göttin ruft, es ist schluss, gib mir jetzt ein käsebrot

ich werde oppressiv antidepressiv
die wassermelone schmeckt mehlig du fängst an zu weinen
im takt des aleph bet

29.11.2021

stehe an der airtrain und will kotzen, weil ich gehe, weil ich einen fuß vor den anderen und gehe, hebe, nach vorne beuge, gehe. gehe aus der stadt. habe hier mal gewohnt. jetzt riecht es verbrannt, doch nicht fremd, nicht seltsam. jetzt riecht es sauber, überall riecht es, riecht nach amerika. riecht nach laken und die straßen putzen sie mit etwas, mit dem gegenteil von deutschland. dein wasser, amerika, schmeckt anders. auch die tränen dann ein bisschen nach chlor. 

02.11.2021

ein kleiner schluck katze auf dem fensterbrett, gelblaub unter ihm.

mein kopf schmerzt, ein scheinbar neuer schmerz, während ich mich in der bibliothek zumindest teilheil fühle, wie ein mensch, der sich in einem leben und unter einer hohen decke bewegt mit anderen menschen in ihren leben, die still in das dunkle schauen, dann wieder in das helle. ich vermisse meine protagonisten mehr als die anderen. ich vermute niedere beweggründe: vermisse sie mehr, weil sie machen, was ich möchte? als zweites vermisse ich die protagonisten anderer, obwohl es festgeschrieben ist, was sie tun, kein wille der welt kann es ändern. ich bin gern allein mit papier, sagt es aus mir, peinlich, dieser satz, aber wahrer als zu behaupten, ich könnte gut allein sein. nur raschelnd bin ich gut allein.

in der stabi hängt ein router am glasdach. ich bin der welt gegenüber sänftlich, ängstelnd, vorsichtig lieb gestimmt. tröstend.

29.10.2021

es ist wolkenlos und ich höre adele dabei zu, wie sie fragt, ob ich mich nicht erinnere oder ob du dich nicht erinnerst. ein klarer tag in einer reihe klarer tage. als hätte jemand den himmel desinfiziert. trotzdem schluchze ich vor sehnsucht nach diesem himmel unter wolkenkratzern auf den schreibtisch. adele sagt, man muss den regen anzünden und ich warte auf ihn, warte, warte. niesel lässt sich nicht anzünden: das ist das problem in deutschland. meine wut lässt mich schienenlos, scheingedämpft, untherapierbar. let it burn, was denn, was soll denn hier bitte brennen. hier hat doch alles schon gebrannt. 

14.09.2021

vor braunschweig spielt ein kind ein videospiel auf dem handy

das trockene gefühl, mitte zwanzig zu sein, auf der zunge

getanzt haben, gedacht haben: ah, that’s what i’m supposed to do. richtig.

nun nach hause wollen, bevor sich alles wieder ändert. auch die jahreszeit. nach hause wollen, in den herbst, in das leuchten, aber nach hause wollen ohne den herbst, ohne die knirschenden blätter –

ah, that’s what i’m supposed to do. nach hause wollen.

so lange weg gewesen sein, dass niemand mehr etwas sagt.

in berlin schlägt einer mit nummernschildern gegen den poller

jemand bestellt ein croissant mit mohn

jemand sitzt in der sonne am schreibtisch, denkt: es riecht anders hier zuhause. es riecht nach faulen blättern, nicht knirschend, zigarettenrauch der nachbarn unterm schlafzimmer, nach einem sommer, den man verpasst hat. grüßt herzlich, dieser jemand.

etwas einfangen, während es passiert

schon jetzt kommt mir der rhein wärmer vor, als er war

fragen, die ich hab

erstens: denkst du auch jeden tag an die toten der schoa. denkst du an ihre verzerrten gesichter, an das weinen eines kinds, wenn du mich küsst. denkst du an die schatten von den millionen, die wir mehr wären. denkst du an die schatten, wenn du glücklich bist.

zweitens: denkst du, ich bin deine große liebe. auch, wenn du nicht an die große liebe glaubst denkst du es vielleicht, wenn du in mein gesicht schaust.

drittens: der mann gegenüber in der bar, in der ich sitze, popelt sich in den ohren. ich überlege, wie es meinen freundinnen geht, habe ich sie das wirklich, der ernsthaftigkeit der frage gebührend, gefragt. wie geht es dir. und dann zugehört, wenn sie sprachen. nein, habe ich nicht. ich habe an die toten gedacht, an die wäsche, woran noch. in den ohren gepopelt.

viertens: wer schläft, und warum. würde ritalin helfen, weniger aus der welt fallen zu wollen. würde lsd-microdosing helfen. würde koksen helfen, weniger zu wünschen, die schwerkraft verließe mich, ich taumelte ins weltall, anstatt eines verschwindens ein verschweben. würde das helfen, zu schlafen.

fünftens: ist das leben ok. ist es das.

sechstens: hast du in städten, die du nicht kennst, denn keine angst. überkommt sie dich nicht, ein blindes heimweh nach einer vertrauten straße, der schmerz und die sehnsucht, danach, die menschen lesen zu können, zu wissen, wo der kompass ist, wenn du ihn brauchst, wenn du fürchtest, sonst vom bürgersteig in die tränen hineinzustolpern.

Orthodox, Ultra-Orthodox, Un-Ultra-Orthodox: Judenliteraturkritik beim Bachmannwettbewerb 2021

Ich habe mich, wie hoffentlich an meinen Freudentränen erkennbar war, unbändig über die positive Resonanz auf meinen Text „Gewässer im Ziplock“ gefreut, den ich bei den 45. Tagen der deutschsprachigen Literatur vorgetragen habe und für den ich den Deutschlandfunkpreis bekommen habe. Dennoch bleibt ein Nachgeschmack, den ich gerne ausformulieren möchte.

Ich habe viele nichtjüdische Freund:innen, die im vergangenen Jahr begeistert die Serie Unorthodox (basierend auf den gleichnamigen Memoiren von Deborah Feldman, die einer ultra-orthodoxen Sekte in New York entkommen ist) geschaut haben. Auch ich fand sie unterhaltsam. Meine Freund:innen allerdings fanden sie nicht nur spannend, sondern auch lehrreich. „Schon krass, Religion ist einfach schlimm“, konnte ich oft hören, und Sätze wie: „Das ist aber ganz schön viel Alufolie“. Ich habe dann erklärt, dass man nur für Pessach, für acht Tage im Jahr, wenn man es genau nimmt mit den Regeln, die Küche mit Alufolie abklebt. Trotzdem habe ich gemerkt, wie fragend und skeptisch die Blicke meiner Freund:innen waren. Wie oft gesagt wurde, Religion sei nun mal unterdrückend und schlimm. Wie oft ich versucht habe, zu erklären, dass in der Serie eine extreme Form des Judentums portraitiert wurde, nämlich die Ultra-Orthodoxie. „Zu konsumieren mit einem grain of salt“,sagte ich, wenn ich nach meiner Meinung gefragt wurde, und ließ Matzah-Klößchen in die Suppe fallen.

In der Jurydiskussion zu meinem Text, in dem es um einen Kantor und seine Tochter geht, hat der Bachmannpreis-Juror Klaus Kastberger die aus seiner Sicht fehlende Reflexion des Ausbruchs und der Zwänge des ultra-orthodoxen Judentums bemängelt: „Der Blick auf jüdisches Leben, auf orthodoxes jüdisches Leben, ist ein Thema, das wirklich in den letzten Jahren aufgekommen ist, es auch so weit gebracht hat, dass es über Fernsehserien vermittelt wird – Unorthodox, Shtisel – also es gibt offensichtlich ein neues Faszinosum, die orthodoxen Welten vorgeführt zu bekommen. […] Mir kommt vor, in diesen Serien sind die Brüche mit diesen Welten vielleicht genauer und radikaler markiert, als es hier der Fall ist.“ – und später: „Und was mir fehlt in dem Text: Orthodoxie ist ja auch ein Kerkersystem. Und das Aufbegehren, das ja auch in der Figur Rita ist, das ist mir noch zu wenig.“

Hierbei ist zunächst wichtig, präzise zu sein. Denn Orthodoxie und Ultra-Orthodoxie sind im Judentum zwei völlig verschiedene Strömungen, die wiederum in verschiedene Gruppierungen einzuteilen sind. Ultra-orthodoxe Juden und Jüdinnen leben so streng nach den Regeln der Halacha (und ihren Interpretationen davon), wie es ihnen das menschliche Leben erlaubt. Infolge dieser Interpretation werden beispielsweise Frauen massiv unterdrückt; Männer sind nicht berufstätig, sondern widmen ihr Leben dem Studium der Torah.

Orthodoxe Juden und Jüdinnen halten sich ebenso rituell an die Bräuche und Gesetze der Halacha, zum Beispiel an die Regeln der Speisegesetze (Kaschrut) oder des Schabbats. Nicht alle orthodoxen Juden und Jüdinnen tragen Schläfenlocken, Zizit und Schtreimel oder Hut. Dann wiederum gibt es konservative Juden und Jüdinnen, die nicht streng orthodox leben, aber beispielsweise in der Synagoge in getrennten Reihen sitzen. 

Und dann gibt es noch liberale Strömungen, in denen es ähnlich bunt zugeht: einige liberale Juden und Jüdinnen tragen Kippa, essen aber freudig Garnelen, andere halten sich streng an die Regeln der Halacha und setzen sich für die Gleichstellung der Frau im religiösen Kontext ein, für gemischte Sitzplätze und Frauen in Rabbinatspositionen (wie etwa in der Gemeinde in der Oranienburger Straße). Ich habe in meinem Text nicht expliziert, welcher Strömung der Kantor angehört. Dass er seine fünfzehnjährige Tochter aber auf eine nichtjüdische Schule schickt und Party machen lässt, spricht wohl gegen eine Zugehörigkeit zum Kerkersystem der Ultra-Orthodoxie, und für eine liberale Weltsicht – und deswegen sollte es auch gar keine Brüche mit der jüdischen Welt geben, denn niemand muss ihr entkommen.

Ich will hier keineswegs in Reaktion auf Literaturkritik irgendwelche empfindlichen Antisemitismus-Vorwürfe herbeikonstruieren. Vielmehr denke ich, dass Herr Kastberger eine gängige Wahrnehmung gläubiger Juden und Jüdinnen durch christianisierte Gesellschaften verbalisiert hat, die durch die massenmediale Thematisierung ultra-orthodoxen Judentums entstanden ist. Das Netflix-Judentum handelt nun mal von Extremen; es ist gleichzeitig auch der einzige Ort, an dem jüdische Bräuche einer großen Menge an Menschen gezeigt werden. Die Interpretation, der Text handle von einem sich anbahnenden Ausbruch aus den Zwängen der Religion ist symptomatisch dafür, dass sich ein vielsagendes Unbehagen gegenüber der Observanz jüdischer Riten breitgemacht hat. Denn Geschichten über liberale Juden und Jüdinnen, die an Schabbat ihr Handy ausmachen, aber ihre Frauen nicht unterdrücken und vielleicht auch gerne mal raven gehen, Juden und Jüdinnen, wie man sie in Berlin in den jungen Gemeinden in Bezirken wie Kreuzberg und Mitte findet, die gibt es zwar. Sie werden aber nicht zu popkulturellen Netflix-Phänomenen.

Was sich abgezeichnet hat im Diskurs über meinen Text, ist, dass ich statt dem grain of salt, zu dem ich nichtjüdischen Freund:innen beim Schauen von Unorthodox geraten habe, gerade gerne das gesamte Salz des Mittelmeers verschreiben würde. Denn: was hier passiert ist, ist genau jene Interpretation sämtlicher jüdischer Riten als Ausdruck extremistischen Glaubens, vor der ich gewarnt habe. Eine, die jüdisches Leben mit einem Kerkersystem gleichsetzt, aus dem man sich zu befreien hat. Das als intensiv gezeichnete Bild des Glaubens meines Protagonisten wurde automatisch als Bildnis von Radikalismus interpretiert. Diese Erfahrung ist mir vertraut. Eine häufige Frage, wenn ich erzähle, dass ich Jüdin bin, ist, ob ich „aber auch gläubig“ sei. In unserer christianisierten Gemeinschaft, die so sehr vom Christlichen als „Normalität“ ausgeht, ist es radikal, sich dem nicht unterzuordnen, sondern andere kulturelle und religiöse Riten zu haben. Diese werden dann schnell umfassend und kategorisch als extrem wahrgenommen – so auch in meinem Text. Diese Wahrnehmung meiner Protagonisten von Seiten der Leserschaft (auch die dpa meldete eine orthodoxe Familiengeschichte) irritiert mich. Wir nehmen ja auch die sonntags geschlossenen Supermärkte in Deutschland nicht als Symptom eines Lebens in einer fundamentalistisch-christlichen Dystopie à la Handmaid’s Tale wahr.

Es geht in meinem Text nicht um den Knast, den fundamentalistischer Glaube darstellt. Dass der Kantor sein Handy am Schabbat nicht bedient, ist völlig selbstverständlich, denn er ist gläubiger Jude. Und würde er an Schabbat telefonieren, könnte er trotzdem gläubiger Jude sein. Eine meiner Freundinnen ist angehende Rabbinerin und in einer Beziehung mit einer Frau. Sie würde am Schabbat ihr Telefon wahrscheinlich nur in Ausnahmefällen anmachen, und doch setzt sie sich leidenschaftlich für progressives Denken in jüdischen Kreisen ein. Mein Großvater hat in seinen Lebzeiten keinen Bissen Schweinefleisch gegessen, und dennoch war er weltweit renommierter Wissenschaftler. Denn der Verstand und die tradierten Bräuche des Judentums: Sie dürfen und können sich ergänzen. Wir Un-Ultra-Orthodoxen, wir sind nicht gefangen in den Klauen unserer Religion, wenn wir uns in ein Gebet vertiefen. Wir können progressiv und gläubig zugleich sein. Wir können komplex und verloren sein, wir können an Schabbat den Lichtschalter nicht betätigen und für die Ehe für Alle sein, oder auch umgekehrt. Wir können uns wohlfühlen in unserem Glauben. Es gibt uns, wir sind hier.

Um an einem Schabbat einen Text im Fernsehen diskutieren lassen, in dem die Sexualität einer Fünfzehnjährigen thematisiert wird und vor laufender Kamera im Badeanzug über den Kotti zu laufen, musste ich mich nicht aus den Zwängen meiner Religion befreien. Ich fühle mich nicht eingesperrt, sondern außerordentlich frei. Ich darf die Geschichte von Margarita und ihrem Vater erzählen, zwei jüdischen Menschen, die trotzdem und selbstverständlich zugleich in Deutschland leben. Auch die Jurorin, die mich für diesen Text nominiert hat, hat in ihrer treffenden, berührenden Laudatio nochmal expliziert, dass es sich darin um eine liberale jüdische Familiengeschichte handelt. Ich bin glücklich. Denn, um auf Insa Wilkes Eröffnungsrede zurückzukommen: Das einzige, das radikal ist an meiner Geschichte, ist die Vorstellung, sie beim Bachmannwettbewerb vorzutragen.

24.06.2021

es ist warm, in der küche rotten ein paar pfirsiche. der nachbar sitzt im hof und raucht. wir setzen uns zu ihm. der nachbar erzählt von seinem leben, während er kaffee trinkt. manchmal sehe ich ihn, wie er im hof sitzt und schläft. er sieht sehr alt aus bestimmt über achtzig denke ich. dieter erzählt, dass er bald siebzig wird, dass er aber seit zwanzig jahren in rente ist. als vermesser habe er gearbeitet. manchmal auch, ohne steuern zu zahlen. er sagt was rassistisches. grad hat er meiner freundin noch einen teddybären geschenkt, damit sie immer glück hat, jetzt sagt er plötzlich schlimme rassistische sachen. wir starren ihn an. renate kommt dazu. renate setzt sich hin und sagt: „dieter, frank zappa hatte übrigens auch prostatakrebs!“. der nachbar sagt: „ich habe übrigens prostatakrebs“. sagt, er hat auch in den beinen metastasen. renate sagt: „dieter, willst du kuchen oder eis.“ er sagt beides. er sagt, wenn wir ins krankenhaus müssen, sollen wir nach havelhöhe gehen, da darf man auch nachts rauchen gehen und es gibt erst um zehn frühstück. an seiner tür klebt ein sticker darauf steht „prokrastinistische aktion“.