noch aktuell: wie es so ist –

wie es so ist als sprache in diesen umständen

es gibt diese hypothese, dass die sprache das denken prägt. das mit den zwanzig worten für schnee, was eigentlich nicht stimmt. deutsche haben danach zwanzig worte für einsamkeit und regeln. abstandsregeln. als linguistin kenne ich auch ausbauregeln. wenn wir es übertragen, die sprache auf die welt, dann sind ausbauregeln die regeln, nach denen man sein leben ausbaut, wenn man sich an abstandsregeln hält.

als sprache kann man es nicht weiter bringen, als für eine sache viele worte zu produzieren.

einen umstand zu kennen, zum beispiel. eine sprache kennt einen umstand und kennt die aktuellen umstände, eine sprache sagt das wort coronasingle und autokonzert. eine sprache weiß, warum es unterschiede zwischen isolation und quarantäne gibt und sie erklärt sie sanft und immer wieder.

das deutsche kennt, wenn das alles vorbei ist, zwanzig worte für einsamkeit und regeln und das europäische sucht noch nach einem, das die solidarität ersetzen kann. man könnte es ertrinken nennen. es tun uns lungen weh, sie füllen sich mit wasser und entzünden sich. sie bieten kein essen zum mitnehmen an, diese lungen. wenigstens die blumenläden sind auf. eine sprache kann erzählen, wie sich lungen mit blumen füllen in lastwagen voller toter körper und es kann einen keinen daran hindern, auch wenn es eine bitterböse vorstellung ist, dass die sprache das darf.

die sprache ist produktiv. sie ist ein emsiges, fleißiges bienchen, mit der man komposita bilden kann, wie man es mag, nach schnauze und nach lust und laune. der sprache tut nichts weh, solang es regelmäßig produktiv ist. deswegen tut der sprache das wort coronababy nicht weh. an unserem kühlschrank hängt eine karte für uns coronacons mit einem herz und man fragt sich tut das der sprache weh.

es wird zwanzig worte für einsamkeit geben und wir werden uns wundern, warum es sie vorher nicht gab. wie ungerecht der einsamkeit gegenüber, sie nur eins zu nennen, eins – amkeit, dann gibt es noch zweisamkeit, die der einsamkeit scheinbar ins gesicht lacht. dabei weiß die sprache nicht dass sich in der zweisamkeit auch die einsamkeit versteckt, weil die sprache sich der welt anpasst und man nicht alles in eines bekommt, wenn man mal nicht produktiv sein kann. so passt sich also die sprache der welt an und die einsamkeit geht verloren in einem anderen wort und man vermisst einzweisamkeit als gutes resultat der produktivität.

es wird nach millionen bundestrainern auch millionen blockwarte geben und wir werden neue wörter dafür finden wegen der aktuellen umstände. atemmasken werden umstandsmode sein. man muss nicht immer produktiv sein, um sich aktuellen umständen anzupassen, auch als sprache nicht. es ist anstrengend, in den aktuellen umständen eine sprache zu sein. die sprache ist müde, die welt zu repräsentieren. sie macht einen isolationsschlaf. auch die sprache muss von zuhause arbeiten.

(zuerst erschienen hier und vorgelesen hier)

Dosenmais, noch ein Tag

Heute hab ich den ganzen Tag versucht, an einen Impftermin zu kommen, weil ich jetzt, laut meiner Therapeutin, Impfgruppe 3 bin, hat nicht geklappt, trotz meines ausgeklügelten Systems mit dem Add-On, das immer wieder die Seite aktualisiert, auf der einen Seite des Bildschirms, während ich auf der anderen Seite versuche, zu arbeiten. Wir sind einmal um den Block gelaufen, hatten Eis, meine Augen kleben im Moment so, ich hab dir das gesagt und mit verklebten Augen in dieses Kreuzberg geschaut. Ich wollte das Linsenzeug von mittags mit Kokosmilch strecken, hab mich selber nach der Kokosmilch gestreckt, auf der Kokosmilch stand Dosenmais. Die Dose Mais ist mir auf den Kopf gefallen, dabei hab ich gedacht, was für ein dummer Unfall, wem passiert sowas, nur Dummen, dann hab ich erst nichts mehr gesehen, dann auf dem Sofa geweint wie ein Baby, mit dem Kühlpack und dem Schluchzen, richtig viele Tränen, überraschend, wie sich richtig viele Tränen anfühlen. Dann haben wir das Linsenzeug gegessen, ich hab mich auf deinem Schoß eingerollt, deinen Arm gestreichelt, beschissener Tag, beschissene Zeit, ich will abgeholt werden aus diesem einzigen langen Sonntagabend, an dem es schlimmer ist, den nächsten Morgen zu fürchten, als der nächste Morgen selbst überhaupt sein kann.

über zynismus

zynisch sein kann man gut, wenn man selbst keinem zur last fällt. wenn man wem auf die nerven geht, jemand einen laut oder unschön findet, wird der zynismus schnell zur peinlichkeit, zur vertuschung der eigenen unglücklichen antidote zur coolheit. jemand mit geburtsjahr 1995 in senfgelben hosen kann unmöglich zynisch sein, denke ich zum beispiel, vielleicht aber findet ebenjene person in ihren hosen, ich mit den maryjanes von doc martens an den riesigen, unweiblichen füßen könne unmöglich zynisch sein, denn mein zynismus stünde nur dafür, dass ich keine richtige politische meinung hab. außer, dass auf meinem handy ein sticker klebt, auf dem etwas steht wie however we dress, wherever we go, yes means yes and no means no. stirbt mit dem feminismus die poesie? oder auch die zärtlichkeit? vielleicht sogar: der zynismus?
wenn es ein politischer akt ist, die frauen um mich zu lieben, dann das zweite ja zumindest nicht. ganz zärtlich, ganz unzynisch, kann ich meine freundinnen betrachten, die es besser wissen als ich, zumindest meistens, außer, wenn es darum geht, wie man bitterernst, ohne einen hauch zynismus, dem ewigen dankt für das brot auf unserem tisch und den wein im glas, wenn es darum geht, wie man eine tomatensoße zu würzen hat, zucker und balsamico, am liebsten auch anchovies. dabei kann man nicht gut zynisch sein, auch in maryjanes und strumpfhosen nicht. politisch auch nicht, eine tomatensoße bleibt unpolitisch. es sei denn, man gibt anchovies bei. das sollte man dringend tun, ernst gemeint.

17.03.2021

es wechselt schnell, das wetter, von blau zu grau, plötzlich hagelt es. ich wache auf und weiß nicht, ob schon sommer ist. unterwasser, sagst du, bin ich. als du böse wirst, schreibe ich einen liebesbrief. ich weiß nun nicht mehr, was drin stand, koche gedankenverloren erbsen und knalle, so scheint es, die türen. es gibt nichts zu beobachten, dort, wo ich bin, versuche ich, so sehr zu beobachten, wie es geht, am kanalufer ruft jemand seine tochter dana, ich will hingehen und sagen: „so heiß ich auch“, aber vielleicht ist es mittlerweile ein häufiger name, das kind fänd mich komisch, wenn ich mich so vorstellte, also lass ich’s. ein untermieter fährt in kurzen hosen das fraenkelufer entlang. er hat heute früh nicht nochmal nachgedacht, ob schon sommer ist. es ist nichts poetisches daran.

ein nerv ist eingeklemmt. es hilft nichts außer entspannung, aber ich weiß nicht mehr, wie das geht, weiß irgendwer noch, wie das geht. was würde ich in einer sauna machen: mich zusammenrollen, wie allein in meinem bett. mich vergewissern, dass du nicht doch ein glas wasser magst. ich würde mir in der sauna eine wärmflasche machen, weil ich ohne nicht schlafen kann. mein herz hat endlich aufgehört, bei den nachrichten mitzuschlagen, es zieht sich zurück und liest die gala, wenn ich heulen muss, weil leute sterben.

in einer woche ist pessach. dieses pessach: es fühlt sich bitter an, fies und diesmal eher wie fiktion als realität. wir stecken ja in einer plage, morgens tauche ich meine finger ins glas und spritze flecken aufs küchenfenster, für jeden traurigen gedanken eine. ich rechne jederzeit mit heuschrecken. jederzeit, hast du das gehört, frage ich dich, vielleicht bekommst du heute keinen liebesbrief.

26.02.2021

nichtmal mehr kochen kann ich. alles brennt an und fällt runter, mag sein, dass mir auch die wörter anbrennen, dass sie deswegen so seltsam aussehen, wenn ich sie tippe. der landwehrkanal war gefroren und nun ist er es nicht, es war kalt und dann warm und nun wieder kalt, aber ich merke eigentlich nichts, weil ich die verbrannten wörter suche. es war purim und dann nicht, es ging sehr schnell, der übergang, die hamantaschen auf dem schreibtisch bitten mich eigentlich nur darum, mich mal mehr zu bewegen, den rücken zu dehnen, die fingerspitzen zur decke zu recken und liebevoll zu atmen, dabei mag ich meine lungen ebenso wenig wie meinen bauch und das ist in ordnung. auf den fingerspitzen finde ich palimpsesten der liebevollen atmung, in der lunge lohnt es sich nicht zu suchen, es ist schon zu lang her, in toulouse, auf dem dreckigen teppich im wohnheim, erinnere ich mich, habe ich liebevoll geatmet und bekam eine magenentzündung.

22.02.2021

so wie man wörter überall findet, sobald man sie lernt, finde ich hinweise auf eine vergangenheit, die sich zwischen den umzugskisten und den weißen blusen versteckt hielt, sobald mir auffällt, dass sie meine ist, diese vergangenheit. auf zigaretten, die ich mal geraucht habe. auf wimpernschläge, auf lieder, die ich nicht mehr mag. auf geschlossene augen auf bartoiletten, hinter denen ich deals geschlossen habe mit mir selbst. nun verhandel ich andere sachen, versuche, deals mit der sonne zu schließen und mit den bandscheiben: wenn ich lieb zu euch bin, seid ihr es zu mir.

während die sonne untergeht, teilen wir eine portion pommes und kurz fühlt sich alles leicht an, die fettigen finger, das salz, der sanfte blick. wie mörtel zwischen unseren stressbausteinen fühlen sich die pommes kurz an. hinter der synagoge geht die sonne unter und ich summe die melodie der hawdalah, obwohl montag ist. gestern war ein großer festakt wegen den 1700 jahren jüdischen lebens in deutschland und ich muss immerzu daran denken, dass das ZDF mich im sommer gefragt hat, ob ich auf gepackten koffern säße. ich habe geantwortet, wohin ich denn gehen sollte. ich frage es mich heute wieder, wohin soll man gehen, wenn hier die pommes am besten schmecken, wenn der landwehrkanal die sorgen frisst und die deals meistens gut gehen. ich kann nur meine runden gehen, ich komme wieder hier an, man würde mich nicht aus den ritzen zwischen den pflastersteinen herausziehen können, wenn man es versuchte.

04.02.2021

in der glogauer straße wächst zwischen sanddornbüschen der müll. ich blinzle müde in ihn hinein, die ersatzhaltestelle wurde wieder verlegt. vor einigen jahren dachte ich, ich hätte mein herz mit einem pullover und einem körbchen erdbeeren im bus vergessen, aber es hat nur die haltestelle verpasst und nun wurde sie immer wieder verlegt. du warst noch nie auf dem kreuzberg, aber kaum versuchst du es, rutschst du den wasserfall herunter, das wasser ist im flug erfroren, so wie mein lachen hat es kein echo und kein fingerspitzengefühl. es finden keine gebete statt, deswegen werde ich leise gottvergessen, weltversessen.